Ich hab jahrelang gedacht, mit mir stimmt etwas nicht.

Meditations-Apps: abgebrochen. Ein Yoga-Kurs: aus Zeitgründen aufgegeben. Und trotzdem dieser Satz im Kopf, fast täglich: „Ich müsste mal wirklich abschalten.“ Als wäre Abschalten ein Schalter, den ich einfach nur endlich umlegen müsste – und ich es aus reiner Faulheit oder Undiszipliniertheit nicht tue.

Was mir gefehlt hat, war aber nicht Disziplin. Es war Verständnis dafür, was in meinem Nervensystem eigentlich passiert.

Ein Schalter, den du nicht einfach umlegen kannst

Unser Nervensystem kennt, vereinfacht gesagt, zwei Modi: Alarm und Ruhe. Im Alarm-Modus ist der Körper in Hochspannung, alles fühlt sich nach zu viel an, die Energie geht nach außen. Im Ruhe-Modus darf der Körper entspannen, es gibt wieder Klarheit und Weite, die Energie geht nach innen.

„Abschalten“ klingt nach einer einfachen Entscheidung – so, als könntest du dich jederzeit willentlich vom einen in den anderen Modus versetzen, wenn du dir nur genug Mühe gibst. Aber genau das ist der Denkfehler. Der Wechsel zwischen diesen beiden Zuständen ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine körperliche Reaktion. Und viele von uns bleiben im Alarm-Modus hängen, länger als eigentlich nötig wäre – nicht wegen eines einzelnen großen Ereignisses, sondern wegen hundert kleiner Dinge, die sich über den Tag stapeln.

Wie sich das bei mir zeigt

Bei mir sieht das zum Beispiel so aus: Wenn meine Kleine wegen einer falschen Gurke einen Wutanfall bekommt, sage ich manchmal lieber Ja, obwohl ich Nein meine – nicht, weil ich das für richtig halte, sondern weil mein System den nächsten Ausbruch einfach nicht verkraften kann.

Das ist kein Erziehungsfehler. Das ist ein überlastetes Nervensystem, das um Schonung bittet.

Und genau da liegt das Problem mit „einfach mal abschalten“ als Ratschlag: Er setzt voraus, dass Anspannung eine Wahl ist. Ist sie aber nicht. Solange der Körper im Alarm-Modus ist, kannst du dir noch so oft sagen „entspann dich jetzt“ – es funktioniert einfach nicht. Aus demselben Grund, aus dem du dein Herz nicht per Willenskraft langsamer schlagen lassen kannst.

Was stattdessen hilft

Der erste Schritt ist deshalb nicht „mehr Disziplin“. Der erste Schritt ist, diese Muster überhaupt zu erkennen – zu merken, wann du gerade im Alarm-Modus bist, bevor du versuchst, dich da herauszuzwingen. Erst danach werden kleine, konkrete Anker wirksam, die dem Körper tatsächlich signalisieren: Es ist gerade sicher, du darfst runterfahren.

Falls dir das bekannt vorkommt: Mach gern meinen kostenlosen Nervensystem-Test – er zeigt dir in wenigen Minuten, wo du gerade stehst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert